Protagonist Jürgen Weiss

Gemüse ABO Weiss aus Gomadingen-Dapfen
Seit 1990 betreibt Herr Weiss mit seiner Frau eine eigene Gemüsegärtnerei. Hieraus entstand das heutige Unternehmen Weiss GEMÜSE ABO. Herr Weiss hat sich seinen Traum erfüllt und ist von seinem Konzept voll und ganz überzeugt. Er erfährt in seinem Alltag wie wenig Lebensmittel wertgeschätzt werden und kann auch sagen, wo die Probleme hierfür liegen.

Vom Containern oder wie man Lebensmittel retten kann

Lebensmittel aus der Mülltonne essen? Hört sich erst einmal nicht sonderlich appetitlich an. Allerdings wird Containern in Deutschland immer beliebter. „Containern”, auch „Dumpstern” oder zu Deutsch „Mülltauchen” bezeichnet die Praxis weggeworfene Lebensmittel wieder aus den Mülltonnen (meist von Supermärkten) zu holen.

Aktivist beim Containern

Freeganer werden Menschen genannt, die so von unserer Überflussgesellschaft leben. Es geht ihnen oft nicht darum Geld zu sparen, vielmehr wollen sie Kritik an der Konsumgesellschaft üben (Greenpeace Magazin 2.13, S. 31). Viele Lebensmittel, die von Supermärkten weggeworfen werden, sind noch einwandfrei genießbar. So genügt es oft schon, wenn eine Frucht in einer Verpackung leicht verdorben ist, um diese auszusortieren. Wenn also eine Orange im Netz verdorben ist, wandert das ganze Netz in den Müll. Außerdem werden viele Lebensmittel schon vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aus den Regalen entfernt und landen im Abfalleimer.

Raphael Fellmer ist Deutschlands wahrscheinlich berühmtester Mülltaucher. Mittlerweile bekommt er von vielen Bio-Supermärkten schon seine eigene Kiste gerichtet. Oft kommt so viel mehr zusammen als er und seine Familie essen können. Dann teilt Raphael die übrigen Lebensmittel auf der Plattform Foodsharing. Raphael lebt mit seiner Frau Nieves und seiner einjährigen Tochter Alma Lucia vollständig von der Überflussgesellschaft – und das sogar vegan mit Essen in Bioqualität (Greenpeace Magazin 2.13, S. 70).

Das nehmen, was andere wegwerfen. Kann das Diebstahl sein?

Erlaubt ist Containern in Deutschland eigentlich nicht. Denn bis die Müllabfuhr den Abfall mitnimmt, bleibt er im Besitz desjenigen, der ihn weggeworfen hat. Zur Strafanzeige kommt es aber in der Regel trotzdem nicht, weil dem Bestohlenen durch den Diebstahl kein Schaden zugefügt wird. Wenn die Abfallcontainer allerdings auf einem Privatgrundstück stehen, können sich Mülltaucher durch dessen Betreten des Hausfriedensbruchs schuldig machen.

Es werden immer wieder Stimmen laut, Containern zu legalisieren. Die Linkspartei fordert sogar, den Handel dazu zu verpflichten „einen ungehinderten Zugang zu nicht mehr verkaufsfähigen aber noch genießbaren Lebensmitteln sicherzustellen” (Pressemitteilung vom 27.3.12).

Eine Art „organisiertes” Containern betreiben die Tafeln in Deutschland und das ganz legal. Die Organisation sammelt Lebensmitteln von Supermärkten ein, die diese sonst wegwerfen würden. Allerdings geben nicht alle Supermärkte ihre Reste den Tafeln, oft ist ihnen der Aufwand zu groß.

Andere Länder, andere Sitten

In Österreich ist Containern im Prinzip legal, weil Abfall als „herrenlose“ Sache gilt. Hier hat sich sogar eine Kochshow zu dem Thema entwickelt. Wastecooking heißt das Kunstprojekt und arbeitet nur mit Lebensmitteln, die vorher in Abfallcontainern „gerettet“ wurden.

Eine Episode von Wastecooking könnt ihr euch hier ansehen:

Taschen-Saisonkalender zum Ausdrucken

Um lange Transportwege von Nahrungsmitteln zu vermeiden und so unseren ökologischen Fussabdruck zu reduzieren, ist es sinnvoll regional und saisonal einzukaufen. Doch da alle Obst- und Gemüsesorten zu jeder Jahreszeit immer verfügbar ist, ist es manchmal schwierig den Überblick zu behalten, was in Deutschland eigentlich grade wächst. Wir haben deswegen für euch einen Kalender entwickelt, den ihr euch selbst ausdrucken könnt und der in jede Tasche passt.

Abbildung des saisonkalenders in Farbe und Schwarz-Weiß

Hier könnt ihr den Kalender runterladen

Anleitung

  • Wenn ihr den Kalender ausdruckt, achtet darauf, dass er nicht von eurem Druckprogramm skaliert wird (siehe Foto).

Keine Anpassung der Seitengröße an das Papier einstellen

  • Der Kalender muss doppelseitig bedruckt werden. Wenn euer Drucker doppelseitig (Duplex) drucken kann, wählt die Option “Bindung kurze Kante aus”. Wenn euer Drucker nicht doppelseitig drucken kann, müsst ihr das Papier selbst noch einmal einlegen und so drucken, dass Vorder- und Rückseite so aussehen, wie in der Datei, wenn ihr das Blatt im Querformat anschaut und wendet (auf der Rückseite des Septembers muss z.B. der Juli sein).

Wie ihr den Kalender schließlich falten müsst, zeigen wir euch in diesem kurzen Video:

Von krummen Salatgurken im Supermarkt fehlt weiter jede Spur

Schon 2009 hat die ehemalige EU-Kommissarin Mariann Fischer Boel durchgesetzt, dass EU-Handelsnormen für 26 Erzeugnisse (Aprikosen, Artischocken, Auberginen, Avocados, Bleichsellerie, Blumenkohl, Bohnen, Chicorée, Erbsen, Gurken und Haselnüsse in der Schale, Kirschen, Knoblauch, Kopfkohl, Kulturchampignons, Lauch, Melonen, Möhren, Pflaumen, Rosenkohl, Spargel, Spinat und Walnüsse in der Schale, Wassermelonen, Zucchini und Zwiebeln) abgeschafft wurden.  Davor durfte zum Beispiel eine Salatgurke pro 10 cm Länge nur 10 mm Krümmung aufweisen. Seit der Abschaffung dieser EU-Handelsnormen sind die viel diskutierten krummen Salatgurken eigentlich im Supermarkt erlaubt. Man findet sie aber trotzdem kaum.

Auch im Bio-Supermarkt von krummen Gurken keine Spur

Auch im Bio-Supermarkt von krummen Gurken keine Spur

Laut einem Spiegel-Artikel (50/2012) ermittelte eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Untersuchung, dass die Abschaffung der EU Normen „gering bis kaum wahrnehmbar sei“. Denn obwohl die rechtlichen Normen aufgehoben wurden, hat sie der Handel einfach durch eigens gesetzte Normen ausgetauscht. Für die Bauern ist ihre Arbeit dadurch noch komplizierter geworden. Denn statt einer übergreifenden EU-Norm haben jetzt einzelne Händler viele verschiedene Normen, die der Bauer im Blick haben muss.

EU_Handelsnormen im Überblick

Es gibt nur noch zehn EU-Handelsnormen, allerdings betreffen sie 75% des gehandelten Obstes und Gemüses

Zudem sind zehn EU-Handelsnormen übrig geblieben. Das klingt zwar nicht viel, aber diese zehn Normen beziehen sich auf 75 % der gehandelten Lebensmittel. Der Deutsche Bauernverband scheint mit den Normen kein Problem zu haben: „Die Vermarktungsnormen setzen objektive Maßstäbe hinsichtlich der Beschaffenheit der Erzeugnisse, dass diese ganz, unbeschädigt und genießbar dem Verbraucher angeboten werden und in unterschiedlichen Kategorien von Klasse Extra bis Klasse II dem Verbraucher ein abgestuftes Angebot ermöglicht wird.“

Soweit sinnvoll! Natürlich möchte der Verbraucher unbeschädigte und genießbare Ware kaufen. In Wirklichkeit geht es aber noch um viel mehr: Unser Obst und Gemüse muss makellos sein und den von der EU vorgegebenen Schönheitsnormen entsprechen.

Eine EU-Handelsnorm gibt es beispielsweise noch für Äpfel. In einem Dokument des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BELV) steht, wie die Mindestanforderungen in der Vermarktungsnorm der Äpfel im Detail aussehen:

  • ganz,
  • gesund; ausgeschlossen sind Erzeugnisse mit Fäulnisbefall oder anderen Mängeln, die sie zum Verzehr ungeeignet machen,
  • sauber, praktisch frei von sichtbaren Fremdstoffen,
  • praktisch frei von Schädlingen,
  • frei von Schäden durch Schädlinge, die das Fleisch beeinträchtigen,
  • frei von starker Glasigkeit, ausgenommen die Sorte Fuji und ihre Mutanten,
  • frei von anomaler äußerer Feuchtigkeit,
  • frei von fremdem Geruch und/oder Geschmack.

Entwicklung und Zustand der Äpfel müssen so sein, dass sie

  • Transport und Hantierung aushalten und
  • in zufriedenstellendem Zustand am Bestimmungsort ankommen.

Doch das Dokument des BELV geht natürlich weit über diese Mindestanforderungen hinaus. Apfelsorten sind jeweils einer bestimmten Färbungsgruppe zugeteilt. Diese Färbungsgruppe (A, B oder C) entscheidet, wie rot die Früchte der Sorte nach Ernte sein müssen. Äpfel der Handelsklasse 1, Färbungsgruppe A müssen zur Hälfte rot sein. Zudem dürfen nach Durchmesser sortierte Äpfel nur einen Größenunterschied von 5 mm aufweisen. Alle anderen Früchte werden aussortiert, direkt beim Erzeuger und im weiteren Verarbeitungsprozess. So erreichen laut einem Spiegel-Artikel knapp 40 % des angebauten Obstes und Gemüses gar nicht erst den Verbraucher.

Im April 2012 führte  der Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz eine öffentliche Anhörung zum Thema Lebensmittelverschwendung durch. Stefan Kreutzberger, Politikwissenschaftler, Journalist und Autor, äußerte sich zu der Frage Lebensmittelnormen wie folgt:

„Fakt ist, dass bereits auf dem Feld vor der Ernte massenhaft gute Lebensmittel aufgrund nicht lukrativer Vermarktungsmöglichkeiten untergepflügt werden. Dieses Gemüse, Kartoffeln, Getreide und Obst gehen erst gar nicht in die Lebensmitteldefinition ein, da nicht geerntet. Nach der Ernte wird krummes und nicht einheitlich gewachsenes oder ‚falschfarbiges‘ Gemüse und Obst weiter fleißig ausgesondert. Vom Handel selbst gesetzte und erzwungene Normen sind zum großen Teil dafür verantwortlich. Seit der Streichung von (vom Handel und der Industrie einst geforderten) Normen für 26 landwirtschaftliche Erzeugnisse in der EU Mitte 2009 hat sich an dieser Praxis auch nicht viel geändert. Wenn jetzt für weitere 10 Erzeugnisse (die allerdings 75 Prozent des Handelswertes ausmachen) die Normen gestrichen werden sollten, ist das kein Garant dafür, dass sich grundsätzlich etwas ändert. Der Handel wird weiter machen wie gewohnt – es sei denn der Verbraucher verlangt explizit danach. Eine Einteilung in Güteklassen halte ich für sinnvoll, wenn allerdings die Kriterien geändert werden: Rein optische Gesichtspunkte sagen nichts über die wirkliche Güte eines Apfels oder einer Tomate aus. Hier sollten Kriterien wie Nährwerte, Inhaltsstoffe und Anbaukriterien (regional, biologisch etc.) Berücksichtigung finden. Als gut und gesund empfundene Nahrungsmittel werden auch weniger weggeworfen.“

„Die Natur ist auch nicht genormt“, sagte Aigner im ARD-„Morgenmagazin“ und will auch die letzten zehn EU-Handelsnormen abschaffen. Dass das am Ende aber auch etwas bewirkt, hat der Verbraucher in der Hand. Denn der Handel richtet sich nach den Bedürfnissen seiner Kunden. Wenn diese auch gerne Äpfel kaufen, die unterschiedliche groß sind, nur zu einem Drittel rot oder eine Druckstelle haben, werden solche auch im Supermarkt zu finden sein.

Dass das im Kleinen funktionieren kann, zeigen Lea Brumsack und Tanja Krakowski. Sie haben mit Hilfe von Crowdfunding 15.000 Euro gesammelt. Damit wollen sie einen eigenen Laden in Berlin gründen, in dem sie sogenannte CulinARy MiSfiTS verkaufen. Diese kulinarischen Sonderlinge entsprechen ganz und gar nicht der Norm. Es sind Möhren mit zwei oder drei Beinen oder Herzkartoffeln. Nach dem Motto „Esst die ganze Ernte“ wollen die ursprünglichen Designerinnen Krakowski und Brumsack ihre Möhrchen mit Vielfalt an Kunden vermitteln. Gerade sind sie auf der Suche nach einem passenden Gebäude für ihren Laden. Das Video, dass CulinARy MiSfiTS zu ihren Spenden verhalf, könnt ihr euch hier anschauen.

Lebensmittel teilen statt wegwerfen

Valentin Thurn drehte nicht nur den aufrüttelnden Dokumentarfilm Taste the Waste. Um selbst einen Beitrag gegen die Verschwendung von Lebensmitteln zu leisten, gründete er die Internetplattform Foodsharing.

Das Prinzip ist einfach: fährt man zum Beispiel für längere Zeit in Urlaub und hat noch einen vollen Kühlschrank, kann man seine Lebensmittel auf Foodsharing anbieten. Jeder kann sogenannte Essenskörbe packen und diese in seiner Umgebung kostenlos zur Verfügung stellen. Andere Nutzer der Plattform sehen die Essenskörbe in ihrer Nähe und können bei Interesse einen Korb anfragen und einen Abholtermin vereinbaren. Nicht nur Privatpersonen können so überschüssige Lebensmittel weitergeben, sondern auch Händler und Produzenten.

In diesem Video wird kurz erklärt, wie Foodsharing funktioniert:

Einige Regeln gibt es bei Foodsharing auch. Natürlich sollten keine verdorbenen Produkte weitergegeben werden. Das Mindesthaltbarkeitsdatum kann aber durchaus überschritten sein. Die Anbieter sowie die Abnehmer von Essenskörben sollten aber in jedem Fall überprüfen, ob die Nahrung noch genießbar ist. Die einfache Regel lautet: „Lege keine Lebensmittel in Essenskörbe, die du selbst nicht mehr verzehren würdest.“ Aufgrund des bestehenden Gesundheitsrisikos dürfen manche Lebensmittel nicht weitergegeben werden, zum Beispiel wenn das Verbrauchsdatum abgelaufen ist oder Speisen, die rohe Eier enthalten.

Finanziert wurde Foodsharing durch Crowdfunding, das heißt viele einzelne Unterstützer haben das Portal mit ihren Spenden finanziert. So kamen sogar mehr als die veranschlagten 10.000 Euro zusammen

Karte von Lebensmittelkörben in Tübingen und Umgebung
In Tübingen werden zur Zeit leider keine Lebensmittelkörbe angeboten

Foodsharing funktioniert derzeit aber eher in größeren Städten wie Köln oder Berlin, wo es viele aktive Foodsharer gibt. In Berlin gibt es sogar einen Umsonst-Laden in der Markthalle in Kreuzberg. Hier kann man nicht benötigte Lebensmittel ablegen. Andere können sich dann einfach mitnehmen, was sie gebrauchen können. In kleineren Städten wie z.B. hier im sonst so grünen Tübingen findet man selbst in der Umgebung selten mal einen Essenskorb.  Da die Internet Plattform aber erst seit Dezember 2012 online ist, gilt es wohl abzuwarten, selbst Lebensmittelkörbe einzustellen und zu hoffen, dass andere dem eigenen Beispiel folgen. Immerhin, innerhalb der ersten zwei Wochen konnte Foodsharing schon 2.800 Foodsharer verbuchen und 250 Kilogramm Lebensmittel vor der Mülltonne retten.

Übrigens, wenn ihr euch hier für den Newsletter registriert, könnt ihr das Kochbuch zum Film Taste the Waste gewinnen.

Wie aus Lebensmitteln Produkte wurden

„Zu gut für die Tonne“, eine Studie der Uni Stuttgart, ermittelte wie viele Lebensmittel in Deutschland weggeworfen werden. Außerdem versuchten die Autoren der Studie zu erklären, warum deutsche Privathaushalte so viele Lebensmittel wegwerfen (im Schnitt knapp 82 kg pro Jahr). Ein Grund sei das private Haushalte Lebensmittel nicht genügend zu schätzen wissen. Doch woran liegt das eigentlich?

Das Leben im Überfluss

In der Langfassung der Studie heißt es weiter, dass „Haushalte in der westlichen Welt […] in einer Konsum-, Überfluss- und Wegwerfgesellschaft [leben]“. Dies wirkt sich auch auf den Umgang mit Lebensmitteln aus. Durch die ständige Verfügbarkeit werden Lebensmittel für die Deutschen weniger wichtig, sind weniger wert.

Das macht sich auch am Preis bemerkbar. Da sich Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu einer Wohlstandsgesellschaft entwickelt hat, sind Lebensmittel für deutsche Haushalte vergleichsweise billiger geworden. Während Haushalte 1950 noch etwa 50 % ihres Haushaltsbudgets für Lebensmittel ausgaben, waren es 2012 nur noch knapp 11 %  des verfügbaren Einkommens.

Im Europa-Vergleich zahlen Deutsche sehr wenig für ihre Nahrung. Im Eurostat-Jahrbuch 2012 wurde ermittelt, dass nur Luxemburg (9,2 %), Großbritannien (9,4 %), Irland (9,8 %), Österreich (10,2 %) und die Schweiz (10,7 %) weniger ihres Haushaltsbudgets für Lebensmittel ausgeben. Wenn Nahrung die Haushaltskasse nicht mehr schwer belastet, tut auch das Wegwerfen nicht so weh.

In anderen europäischen Ländern, in denen das Wohlstandsniveau niedriger ist, wird deutlich mehr vom Haushaltsbudget für Nahrung ausgegeben. Den größten Anteil ihres Einkommens geben zum Bespiel Rumänen für Lebensmittel aus (29,1 %). In Entwicklungsländern geben Menschen sogar bis zu 80% ihres Einkommens für Nahrungsmittelaus.

Das wir Nahrung nicht mehr richtig zu schätzen wissen ist auch ein Generationenproblem. Menschen, die einmal Lebensmittelknappheit erlebt haben, gehen insgesamt sorgsamer mit Lebensmitteln um. Deshalb wissen nach 1950 geborene Deutsche Lebensmittel auch weniger zu schätzen. Menschen in Wohlstandsgesellschaften scheinen einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln zu verlernen. Dieses Problem wird sich wahrscheinlich noch verschlimmern. Spätestens wenn die Generation, die den zweiten Weltkrieg miterlebt hat, ausstirbt und ihre Erfahrungen nicht mehr an Kinder und Enkelkinder weitergeben kann.

Lebensmittel als Produkte

Lebensmittel im Supermarkt

Lebensmittel im Supermarkt sind häufig in Plastik eingepackt, alle entsprechen der Norm

Lebensmittel werden in deutschen Supermärkten außerdem zunehmend als rein industrielle Produkte präsentiert. Alle Karotten sehen gleich aus. Laut eines Spiegel-Artikels verlässt eine Fünftel der Ernte in Europa gar nicht erst den Bauernhof. Lebensmittel-Normen verhindern, dass Obst und Gemüse, das anders aussieht, im Supermarkt ankommt. Der Grund: nicht schön genug.

Deshalb findet man einen Apfel mit Delle im Supermarkt auch nicht und wenn doch, wollen ihn die meisten Kunden nicht haben. Obst und Gemüse sind oft steril  in Plastik verpackt. Zudem sind die Regale in den Supermärkten meist bis spätabends prall gefüllt und dank Globalisierung ist jedes Obst und Gemüse zu jeder Jahreszeit erhältlich. Eine Saison gibt es in deutschen Supermärkten nicht. Das führt dazu, dass der Verbraucher die Nahrung zunehmend als reines Industrie-Produkt wahrnimmt. Er verliert den Bezug dazu, wie Lebensmittel entstehen, woher sie kommen.

Lösung?

Ein Gegentrend könnte man in der Bio-Bewegung sehen. Verbraucher sind wieder bereit mehr Geld für ihre Lebensmittel auszugeben. Allerdings ist Bio mittlerweile in den Discountern angekommen. Auch hier werden Preise gedrückt, Obst und Gemüse werden in Plastik eingeschweißt. Oft überqueren die Lebensmittel auf dem Weg zum Verbraucher sogar Ozeane.

Der einzelne Verbraucher kann natürlich versuchen sich besser zu informieren. Er kann regional kaufen, vielleicht sogar direkt beim Hersteller. Habt ihr weitere Ideen, wie man dagegen vorgehen kann, dass sich Verbraucher zunehmend von ihrer Nahrung entfremden? Was können wir tun, damit Lebensmittel wieder mehr als das wahrgenommen werden was sie eigentlich sind – Mittel zum Leben? Auf eure Vorschläge sind wir gespannt!

Das Problem mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum

Das Mindesthaltbarkeitsdatum, kurz MHD, ist eine Garantie des Herstellers, dass die Nahrung bis zu diesem Datum seine spezifischen Eigenschaften behält. Das Produkt ist mindestensbis zum angegebenen Datum haltbar. Verdirbt ein Lebensmittel vor Ablauf des MHDs kann es vom Verbraucher umgetauscht werden. Viele Verbraucher sehen im MHD allerdings ein Verfallsdatum. Ist das MHD abgelaufen, werden oft noch genießbare Lebensmittel einfach weggeworfen.

Das muss eigentlich nicht sein.

Mindesthaltbarkeitsdatum auf einem Joghurtglas
Ist das MHD nur bei Lagerung bei einer bestimmten Termperatur gewährleistet, wird dies zusammen mit dem MHD angegeben.

Das MHD ist überschritten – was tun?

Ist das MHD fast erreicht oder überschritten (und auch davor) sollte überprüft werden, ob die Nahrung noch genießbar ist. Vertraut einfach euren Sinnen und zwar in folgender Reihenfolge:

  • Sehen die Lebensmittel normal aus? Sind Farbe oder Konsistenz unverändert? Bei Milchprodukten wie Joghurt kann beispielsweise eine dünne Wasserschicht entstehen, weil sich Molke absetzt. Der Joghurt ist in der Regel aber noch genießbar.
  • Riecht die Nahrung normal?
  • Hat die Nahrung die ersten beiden Prüfungen bestanden, sollte man ein bisschen davon probieren. Wenn der Geschmack okay ist, sind die Lebensmittel in der Regel auch noch in Ordnung.

Wie gehen Supermarktbetreiber mit dem MHD um?

Für Supermarktbetreiber ist es auch erlaubt die Ware nach Ablauf des MHDs zu kontrollieren und umzuetikettieren. Eine andere Möglichkeit ist es Lebensmittel vor Ablauf des MHDs billiger anzubieten. Viele Supermärkte machen sich diese Mühe aber nicht und werfen die Lebensmittel schon kurz vor Ablauf des MHDs weg.

Worauf kann ich beim Einkauf von Lebensmitteln achten?

Beim Kauf von Lebensmitteln kann jeder selbst seinen Teil zur Verringerung von Lebensmittelverschwendung beitragen. Im Supermarkt gibt es oft das gleiche Produkt mit verschiedenen MHDs. Neue Ware wird (meist hinten im Regal) aufgefüllt und ist länger haltbar. Viele Verbraucher greifen deshalb zu den Produkten weiter hinten im Regal, weil sie sie für frischer halten. Wir sollten uns aber fragen, ob wir die etwas länger haltbaren Produkte überhaupt benötigen. Wenn wir wissen, dass wir die Lebensmittel bald verbrauchen werden, können wir ohne Probleme zu den Produkten mit einem kürzeren MHD greifen – und so verhindern dass noch genießbare Produkte im Handel weggeworfen werden.

Das Verbrauchsdatum

Neben dem MHD gibt es auch das Verbrauchsdatum. Es gilt nur für einige leicht verderbliche Lebensmittel, wie zum Beispiel Hackfleisch. Ist es verdorben, kann es die menschliche Gesundheit unmittelbar gefährden. Lebensmittel mit abgelaufenem Verbrauchsdatum sollten deshalb auch sofort entsorgt werden. Produkte mit einem Verbrauchsdatum sind mit der Aufschrift „verbrauchen bis …“ gekennzeichnet.

Weiter Informationen zum Mindesthaltbarkeitsdatum findet ihr auch hier.

Weitere Lösungen?

Welche Ideen habt ihr, um mit dem Problem MHD umzugehen? Sollte es ganz abgeschafft und zum Beispiel nur noch ein Produktionsdatum angegeben werden? Wir freuen uns auf eure Vorschläge!

Warum wir noch eine Reportage über Lebensmittelverschwendung machen

In den letzten Jahren erfährt das Thema Lebensmittelverschwendung große mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit. In Deutschland hat besonders Valentin Thurn die Debatte mit seinem enthüllenden Dokumentarfilm „Taste the Waste“ (2011) angestoßen. Durch Aufnahmen auf vier verschiedenen Kontinenten dokumentiert Thurn globale Zusammenhänge. Der Zuschauer erfährt, welche Konsequenzen die Globalisierung der Lebensmittelindustrie hat.

Inspiriert von Thurns „Taste the Waste“ haben auch wir uns verstärkt mit der Verschwendung von Lebensmitteln beschäftigt. Wichtig erschien es uns von Anfang an positiv mit der Thematik umzugehen, welchen Bezug Menschen zu Lebensmitteln haben. So steht bei unserem Film „We love food“, an dem wir gerade arbeiten, weniger die Lebensmittelverschwendung z.B. von Supermärkten im Vordergrund. Uns ist es wichtiger unterschiedliche Ansätze und Alternativen im Umgang mit Lebensmitteln aufzuzeigen.

Unser Ziel ist es deshalb bei unserer Reportage vor allem auf einer persönlichen Ebene zu bleiben. Neben Menschen aus unserem Umfeld werden auch Institutionen (Tübinger Tafel, das Gemüse-Abo Weiss und das Fraunhofer Institut) gezeigt und zu ihrer Wertschätzung und ihrem Umgang mit Lebensmitteln befragt. Im Fokus steht dabei der persönliche Umgang mit Essen – ohne diesen zu bewerten. Der Kerngedanke unserer Reportage lautet dabei stets „Schätze dein Essen und mach dir Gedanken!“. Die Begriffe Wertschätzung, Nachhaltigkeit und Bewusstsein stehen dabei im Vordergrund.