Von wegen umweltfreundliche Agrarreform

Die EU-Landwirtschaftsminister haben in Brüssel über ihre Position zur zukünftigen EU Agrarpolitik entschieden. Die Ergebnisse der Verhandlungen vom 14. März hat viele Öko-Bauern enttäuscht.  Agrarkommisar Dacian Cioloș hatte am 12. Oktober 2011 einen Reformvorschlag zum “Greening” der EU Landwirtschaft eingereicht. Der Vorschlag sah vor, dass die Agrarsubventionen in Zukunft nur noch an Betriebe gezahlt werden, die sieben Prozent ihrer Fläche im Sinne der Natur nutzen. Diese “ökologischen Vorrangflächen” werden aus der landwirtschaftlichen Nutzung genommen und die Natur wird sich selbst überlassen. Das fördert den Schutz von Wasser, Boden, Artenvielfalt und Klima.

Erstaunlich ist, dass die großen deutschen Nachrichtenseiten die Verhandlungen der EU als umweltfreundliche Agrarreform feiern (Spiegel, Süddeutsche). Lediglich die Welt titelt “Wie das EU-Parlament aus der Agrarreform ein Reförmchen machte”.

Denn die Position der EU Parlamentarier sieht vor, dass lediglich 30 Prozent der EU-Subventionen für Greening-Massnahmen vergeben werden. Die restlichen 70 Prozent sind weiterhin nicht an Umweltschutzkriterien gebunden. Statt der geforderten sieben Prozent ökologischer Vorrangfläche, einigten sich die Parlamentarier letztendlich auf drei Prozent (fünf Prozent bis 2016). Und das obwohl deutsche Betriebe schon jetzt zu 2,1 bis 3,5% aus ökologischen Vorrangflächen bestehen (taz). Zudem dürfen diese Flächen auch noch genutzt werden, müssen nur in Zukunft ökologischer bewirtschaftet werden. Eine umweltfreundliche Agrarreform sieht wohl anders aus.

Die endgültige Verhandlung über die Reform findet Ende Juni im Europäischen Parlament statt. Hier haben wir euch noch die wichtigsten Informationen zur EU Agrarpolitik zusammengetragen:

Ferkel an Zitzen einer SauWelche Landwirtschaft wird von der EU gefördert?

Die EU subventioniert die europäische Landwirtschaft dieses Jahr mit etwa 60 Milliarden Euro (Spiegel). Das sind knapp 40% des gesamten EU-Haushalts. 110 Euro zahlt der Verbraucher im Schnitt für diese Politik und hat auch klare Vorstellungen von der Verwendung der Gelder. Eine Umfrage der Naturschutzorganisation WWF hat ergeben, dass sich 78% der Europäer wünschen, dass Subventionen an nachhaltige Landwirtschaft gekoppelt sind. Nur 16% glauben, dass eine Verteilung nach Anbaufläche sinnvoll ist (WWF).

Doch in der Realität geschieht genau das! Umweltfreundliche Landwirtschaftsbetriebe sind meist kleiner und weniger effizient. Momentan bekommen sie nicht mehr Zuschüsse dafür, dass sie besonders schonend mit ihren Ressourcen umgehen. Im Gegenteil: die Subventionen sind bisher nicht an Ziele geknüpft, sonder besonders an Fläche. Große Höfe, die in Masse produzieren haben dadurch Vorteile. Je größer der Betrieb, desto mehr Subventionen gibt es. Momentan erhalten 20% der Betriebe ganze 80% der Gelder (Welt).

Eine Auflistung des BUND zeigt, welche Konzerne besonders von den Subventionen profitieren. Südzucker, Tönnies-Fleisch, Ferrero… Es wird klar, dass Förderung von gesunden Lebensmitteln offenbar keine Rolle spielt.

Warum gibt es die EU Subventionen?

Dass die Europäische Union landwirtschaftliche Nahrungsproduktion subventioniert, hat seinen geschichtlichen Ursprung nach dem zweiten Weltkrieg. 1957 verabschiedete die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (Vorlaufer der EU) den Vertrag zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Dessen Hauptziel war es die europäische Landwirtschaft nach 1945  wieder aufzubauen. Während und nach dem zweiten Weltkrieg konnten viele Menschen in Europa nicht zu bezahlbaren Preisen mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Da in Europa sehr viele Menschen auf vergleichsweise engem Raum leben, sind die Anbauflächen knapp. Verglichen mit großen Flächenländern mit weniger Einwohnern, wie beispielsweise Australien, war der europäische Agrarsektor nicht konkurrenzfähig und die Subventionen sollten hier Abhilfe schaffen (EU Koordination).

Neue Herausforderungen

Im Jahr 2013 ist Lebensmittelknappheit in der EU kein Problem mehr. Im Gegenteil, die Hälfte aller produzierten Nahrungsmittel landet auf dem Müll. Die Subventionen verzehren außerdem den Wettbewerb auf dem Weltmarkt. Die Existenz von Landwirten in Entwicklungsländern wie beispielsweise Afrika sind gefährdet, da sie nicht mit den aus der EU importierten Nahrungsmitteln konkurrieren können (Tagesschau).

Ein neues Konzept muss her – Mehr Klasse statt Masse in der Lebensmittelproduktion! Um noch eine Daseinsberechtigung zu haben, sollten die EU Agrarsubventionen an umweltfreundliche Ziele geknüpft sein. Und zwar so wie sie sich der Verbraucher wünscht: Für eine umweltfreundliche Erzeugung gesunder Nahrungsmittel!

Steak, Burger und Co. als Komplizen von Welthunger und Klimawandel

Currywurst-Buden, Dönerläden und Fastfood Ketten prägen das Bild der modernen Großstadt und stehen symbolisch für eine Konsumgesellschaft.  Und das, obwohl ein Lebensmittelskandal den anderen jagt. Fragwürdig ist der tägliche Verzehr von Fleisch nicht nur aus gesundheitlicher und ethischer Sicht, sondern vor allem, wenn es um den Welthunger und den Klimaschutz geht.

Spätestens seit BSE-, „Gammelfleisch“-, und dem aktuellen Pferdefleischskandal ist Fleisch als Lebensmittel stark in Verruf geraten. Konsumenten sind verunsichert und eine erneute Fleischdebatte ist in den Medien entbrannt. Dieses Mal um gepanschtes Fleisch in Fertigprodukten. Fleischerzeugnisse lokaler Metzger oder von Biobauern  wird noch als sicher angepriesen, doch viele Konsumenten wollen oder können sich kein Fleisch vom Bio-Rind oder -Schwein leisten.

Wie die Arte-Dokumentation „Nie wieder Fleisch“ (2012) von Julia Pinzler zeigt, hat sich der weltweite Fleischkonsum in den letzten 50 Jahren verfünffacht. In den Industrieländern konsumiert der Durchschnittsbürger pro Jahr 90 kg Fleisch. Während der Fleischkonsum in Europa schon immer hoch war, ist die Nachfrage nach Fleisch vor allem in Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien stark angewachsen. Grund hierfür sind die rasch wachsende Bevölkerung und der zunehmende Wohlstand dieser Länder. Wie Pinzlers Recherchen zeigen, gilt beispielsweise in China der tägliche Konsum von Fleisch als Statussymbol der wachsenden Mittelschicht.  Während vegetarische Kost im Westen längst nicht nur mit dem Öko-Gedanken in Verbindung gebracht wird, sondern teilweise auch als modisch und progressiv gilt, wird Vegetarismus in China als Zeichen für finanzielle Not gewertet.

Entsprechend der weltweit wachsenden Nachfrage nach Fleisch ist auch dessen Produktion angestiegen. Verheerend ist das vor allem für die Umwelt. Laut einer Studie über Fleischproduktion von Misereor aus dem Jahr 2012 wird sich die Nachfrage nach Fleisch im Jahr 2050 verdoppelt haben: Von circa 228 auf 463 Millionen Tonnen. Dazu müsste die zweifache Menge der heute hergestellten Futtermittel produziert werden. Aus aktueller Sicht sind diese Mengen nicht produzierbar. Schon jetzt wird ein Großteil der Futtermittel für die deutsche Fleischproduktion aus Entwicklungsländern importiert. Das ist ein Problem für das Klima, die Artenvielfalt und die regionalen Wasserkreisläufe. Wälder und Moore werden in Nutzfläche für den Anbau von Futtermitteln und für Viehhaltung umgewandelt. Laut einem Artikel des Tagesspiegel produzieren die Nutztiere  nicht nur klimaschädliche Methangase. Verhängnisvoller für die Umwelt sei der Einsatz von Kunstdünger in der Futtermittelproduktion. Denn durch dessen Einsatz werden auf den Feldern Lachgas produziert, dessen Schaden für das Klima viel höher liegt als die von Methan.

Laut dem  Vegetarierbund Deutschland (VeBu) könnten unsere heutigen Fleischmengen  ohne die Futtermittelimporte aus Schwellenländern – in denen problematische Anbaubedingungen herrschen –  nicht produziert werden. Die Schwellenländer produzieren deshalb Futtermittel (wie zum Beispiel Soja) auf Anbauflächen, die für die landeseigene Nahrungsmittelproduktion wegfallen. Jean Ziegler – Globalisierungsgegner und ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung – macht genau diese Strategie der westlichen Fleisch-Unternehmen verantwortlich für den Welthunger.  Ziegler erklärt: „Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an den Folgen der Unterernährung. […] Das ist kein Schicksal, es ist Mord. In diesem Jahrhundert können erstmals genug Lebensmittel erzeugt werden, um zwölf Milliarden Menschen ausreichend zu ernähren, also das Doppelte der derzeitigen Erdbevölkerung. Die Zahl der Hungernden aber wächst, allein im vergangenen Jahr um elf Millionen. Zugleich wird ein Viertel der weltweiten Getreideernte als Futter für Mastvieh verschwendet. An dessen Fleisch essen sich die Menschen in den reichen Ländern dick – Herz-Kreislaufleiden gehören zu den häufigsten Todesursachen.“ (Tisch-Gespräch mit Jean Ziegler im Greenpeace-Magazin).

Soviel CO2 wird jeweils für ein Kilo Gemüse, Schweine- oder Rindfleisch produziert:

Der CO2 Ausstoss von Fleisch und Gemüse im Vergleich

Doch nicht nur die Grundversorgung der Menschen in Entwicklungsländern wird durch die Fleischproduktion von Industrienationen gefährdet, auch für die Umwelt hat die weltweit steigende Fleischnachfrage Konsequenzen. Die Erzeugung tierischer Lebensmittel ist beispielsweise für 18 % aller vom Mensch verursachten,  klimawirksamen Emissionen verantwortlich und liegt damit vor dem ebenfalls sehr belastenden Verkehrssektor (vgl. Studie zu Fleischproduktion von Misereor 2012).  Laut VeBu führt die Rindfleischproduktion die Rangliste der Treibhausgas-Emissionen an:  Für ein Kilo Schweinefleisch werden 1,9 kg  CO2 ausgestoßen, für ein Kilogramm Rindfleisch sind es sogar ganze 13 kg CO2. Im Vergleich dazu werden für ein Kilogramm Gemüse nur 150 g der klimaschädlichen Emissionen freigesetzt. Außerdem benötigt man für die Erzeugung von tierischen Produkten enorm viel Wasser: Für die Produktion von einem Kilo Rindfleisch werden 15.500 Liter benötigt, davon werden 15.300 Liter für den Futtermittelanbau benötigt. Im Gegensatz dazu braucht man für die Produktion von 1 kg Sojabohnen nur 1.800 Liter Wasser, so die Studie über Fleisch-Produktion von Misereor.

Was kann ich tun?

Aus Sicht des Klimaschutzes wären vor allem zwei Dinge nötig: Eine deutliche Reduktion der Nutztierbestände und eine Fleischproduktion, die möglichst nachhaltig und klimafreundlich ist. Unsere Öko-Bilanz sieht beispielweise schon viel besser aus, wenn die Nutztiere ökologische gehalten werden. Laut einem Online-Artikel des WWF erzeugt Bio-Geflügel zum Beispiel etwa halb so viele Emissionen, wie  Geflügel aus konventioneller Aufzucht. Der Grund: „Bio-Futtermittel verursachen weit geringere Emissionen als konventionelle Futtermittel. Für ein Kilo Hühnerfleisch aus konventioneller Haltung wird fast ein Kilo Sojamehl verfüttert. Soja, das auf Flächen angebaut wird, für die in Lateinamerika Regenwald und andere Ökosysteme weichen mussten, die viel Kohlenstoffdioxid speichern“, so der WWF. Viele deutsche Bio-Erzeuger hingegen achten bei der Fleischproduktion auf eine geschlossene, ökologische Kreislaufwirtschaft. Durch den kompletten oder teilweisen Verzicht auf Importfuttermittel und die Fütterung mit betriebseigenem Futter wird der globale Wasserhaushalt geschont, so die Vereinigung Deutscher Gewässerschutz e.V..

Jeder könnte also in einem ersten Schritt sein Konsumverhalten überdenken und sich außerdem fragen, ob es wirklich nötig ist jeden Tag Schnitzel und Co. zu verzehren. Wäre es nicht sogar fortschrittlich sich auf den nostalgisch anmutenden „Sonntagsbraten“ zurück zu besinnen und Fleisch nur noch an besonderen Anlässen zu essen? Laut einem Artikel des Tagesspiegel kam noch vor 30 Jahren etwa 60 kg weniger Fleisch auf den Tisch eines deutschen Durchschnittsbürgers als heute. Das Fleischgericht am Wochenende wurde früher vielerorts in der Familie zelebriert und galt als soziales Ereignis. Heute fehlt von diesem jede Spur. Außerdem könnte man sich Gedanken zur Fleischsorte machen, zu der man greift: Schweine- oder Geflügelfleisch sind im Hinblick auf den Wasserbedarf für Futtermittel und Aufzucht ressourcenschonender. Wenn man Fleisch kauft, dann sollte man außerdem darauf achten, dass es aus ökologischer Aufzucht stammt.

Eine weitere Möglichkeit wäre zu Hause, in der Mensa und im Restaurant fleischfreie Tage einzuführen. Dies haben schon viele Universitäten im Rahmen des „Veggi-Day“ gemacht; unter anderem in Tübingen und Berlin. Dieser findet bundesweit donnerstags unter dem Motto „Donnerstag ist Veggietag“ statt. Es handelt sich um eine Aktion, die zu einem fleischfreien Wochentag in Deutschland aufrufen möchte. Über fleischfreie Tage würden sich nicht nur die Tiere freuen, sondern auch unser gesamtes Ökosystem!

Von krummen Salatgurken im Supermarkt fehlt weiter jede Spur

Schon 2009 hat die ehemalige EU-Kommissarin Mariann Fischer Boel durchgesetzt, dass EU-Handelsnormen für 26 Erzeugnisse (Aprikosen, Artischocken, Auberginen, Avocados, Bleichsellerie, Blumenkohl, Bohnen, Chicorée, Erbsen, Gurken und Haselnüsse in der Schale, Kirschen, Knoblauch, Kopfkohl, Kulturchampignons, Lauch, Melonen, Möhren, Pflaumen, Rosenkohl, Spargel, Spinat und Walnüsse in der Schale, Wassermelonen, Zucchini und Zwiebeln) abgeschafft wurden.  Davor durfte zum Beispiel eine Salatgurke pro 10 cm Länge nur 10 mm Krümmung aufweisen. Seit der Abschaffung dieser EU-Handelsnormen sind die viel diskutierten krummen Salatgurken eigentlich im Supermarkt erlaubt. Man findet sie aber trotzdem kaum.

Auch im Bio-Supermarkt von krummen Gurken keine Spur

Auch im Bio-Supermarkt von krummen Gurken keine Spur

Laut einem Spiegel-Artikel (50/2012) ermittelte eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Untersuchung, dass die Abschaffung der EU Normen „gering bis kaum wahrnehmbar sei“. Denn obwohl die rechtlichen Normen aufgehoben wurden, hat sie der Handel einfach durch eigens gesetzte Normen ausgetauscht. Für die Bauern ist ihre Arbeit dadurch noch komplizierter geworden. Denn statt einer übergreifenden EU-Norm haben jetzt einzelne Händler viele verschiedene Normen, die der Bauer im Blick haben muss.

EU_Handelsnormen im Überblick

Es gibt nur noch zehn EU-Handelsnormen, allerdings betreffen sie 75% des gehandelten Obstes und Gemüses

Zudem sind zehn EU-Handelsnormen übrig geblieben. Das klingt zwar nicht viel, aber diese zehn Normen beziehen sich auf 75 % der gehandelten Lebensmittel. Der Deutsche Bauernverband scheint mit den Normen kein Problem zu haben: „Die Vermarktungsnormen setzen objektive Maßstäbe hinsichtlich der Beschaffenheit der Erzeugnisse, dass diese ganz, unbeschädigt und genießbar dem Verbraucher angeboten werden und in unterschiedlichen Kategorien von Klasse Extra bis Klasse II dem Verbraucher ein abgestuftes Angebot ermöglicht wird.“

Soweit sinnvoll! Natürlich möchte der Verbraucher unbeschädigte und genießbare Ware kaufen. In Wirklichkeit geht es aber noch um viel mehr: Unser Obst und Gemüse muss makellos sein und den von der EU vorgegebenen Schönheitsnormen entsprechen.

Eine EU-Handelsnorm gibt es beispielsweise noch für Äpfel. In einem Dokument des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BELV) steht, wie die Mindestanforderungen in der Vermarktungsnorm der Äpfel im Detail aussehen:

  • ganz,
  • gesund; ausgeschlossen sind Erzeugnisse mit Fäulnisbefall oder anderen Mängeln, die sie zum Verzehr ungeeignet machen,
  • sauber, praktisch frei von sichtbaren Fremdstoffen,
  • praktisch frei von Schädlingen,
  • frei von Schäden durch Schädlinge, die das Fleisch beeinträchtigen,
  • frei von starker Glasigkeit, ausgenommen die Sorte Fuji und ihre Mutanten,
  • frei von anomaler äußerer Feuchtigkeit,
  • frei von fremdem Geruch und/oder Geschmack.

Entwicklung und Zustand der Äpfel müssen so sein, dass sie

  • Transport und Hantierung aushalten und
  • in zufriedenstellendem Zustand am Bestimmungsort ankommen.

Doch das Dokument des BELV geht natürlich weit über diese Mindestanforderungen hinaus. Apfelsorten sind jeweils einer bestimmten Färbungsgruppe zugeteilt. Diese Färbungsgruppe (A, B oder C) entscheidet, wie rot die Früchte der Sorte nach Ernte sein müssen. Äpfel der Handelsklasse 1, Färbungsgruppe A müssen zur Hälfte rot sein. Zudem dürfen nach Durchmesser sortierte Äpfel nur einen Größenunterschied von 5 mm aufweisen. Alle anderen Früchte werden aussortiert, direkt beim Erzeuger und im weiteren Verarbeitungsprozess. So erreichen laut einem Spiegel-Artikel knapp 40 % des angebauten Obstes und Gemüses gar nicht erst den Verbraucher.

Im April 2012 führte  der Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz eine öffentliche Anhörung zum Thema Lebensmittelverschwendung durch. Stefan Kreutzberger, Politikwissenschaftler, Journalist und Autor, äußerte sich zu der Frage Lebensmittelnormen wie folgt:

„Fakt ist, dass bereits auf dem Feld vor der Ernte massenhaft gute Lebensmittel aufgrund nicht lukrativer Vermarktungsmöglichkeiten untergepflügt werden. Dieses Gemüse, Kartoffeln, Getreide und Obst gehen erst gar nicht in die Lebensmitteldefinition ein, da nicht geerntet. Nach der Ernte wird krummes und nicht einheitlich gewachsenes oder ‚falschfarbiges‘ Gemüse und Obst weiter fleißig ausgesondert. Vom Handel selbst gesetzte und erzwungene Normen sind zum großen Teil dafür verantwortlich. Seit der Streichung von (vom Handel und der Industrie einst geforderten) Normen für 26 landwirtschaftliche Erzeugnisse in der EU Mitte 2009 hat sich an dieser Praxis auch nicht viel geändert. Wenn jetzt für weitere 10 Erzeugnisse (die allerdings 75 Prozent des Handelswertes ausmachen) die Normen gestrichen werden sollten, ist das kein Garant dafür, dass sich grundsätzlich etwas ändert. Der Handel wird weiter machen wie gewohnt – es sei denn der Verbraucher verlangt explizit danach. Eine Einteilung in Güteklassen halte ich für sinnvoll, wenn allerdings die Kriterien geändert werden: Rein optische Gesichtspunkte sagen nichts über die wirkliche Güte eines Apfels oder einer Tomate aus. Hier sollten Kriterien wie Nährwerte, Inhaltsstoffe und Anbaukriterien (regional, biologisch etc.) Berücksichtigung finden. Als gut und gesund empfundene Nahrungsmittel werden auch weniger weggeworfen.“

„Die Natur ist auch nicht genormt“, sagte Aigner im ARD-„Morgenmagazin“ und will auch die letzten zehn EU-Handelsnormen abschaffen. Dass das am Ende aber auch etwas bewirkt, hat der Verbraucher in der Hand. Denn der Handel richtet sich nach den Bedürfnissen seiner Kunden. Wenn diese auch gerne Äpfel kaufen, die unterschiedliche groß sind, nur zu einem Drittel rot oder eine Druckstelle haben, werden solche auch im Supermarkt zu finden sein.

Dass das im Kleinen funktionieren kann, zeigen Lea Brumsack und Tanja Krakowski. Sie haben mit Hilfe von Crowdfunding 15.000 Euro gesammelt. Damit wollen sie einen eigenen Laden in Berlin gründen, in dem sie sogenannte CulinARy MiSfiTS verkaufen. Diese kulinarischen Sonderlinge entsprechen ganz und gar nicht der Norm. Es sind Möhren mit zwei oder drei Beinen oder Herzkartoffeln. Nach dem Motto „Esst die ganze Ernte“ wollen die ursprünglichen Designerinnen Krakowski und Brumsack ihre Möhrchen mit Vielfalt an Kunden vermitteln. Gerade sind sie auf der Suche nach einem passenden Gebäude für ihren Laden. Das Video, dass CulinARy MiSfiTS zu ihren Spenden verhalf, könnt ihr euch hier anschauen.

Wie aus Lebensmitteln Produkte wurden

„Zu gut für die Tonne“, eine Studie der Uni Stuttgart, ermittelte wie viele Lebensmittel in Deutschland weggeworfen werden. Außerdem versuchten die Autoren der Studie zu erklären, warum deutsche Privathaushalte so viele Lebensmittel wegwerfen (im Schnitt knapp 82 kg pro Jahr). Ein Grund sei das private Haushalte Lebensmittel nicht genügend zu schätzen wissen. Doch woran liegt das eigentlich?

Das Leben im Überfluss

In der Langfassung der Studie heißt es weiter, dass „Haushalte in der westlichen Welt […] in einer Konsum-, Überfluss- und Wegwerfgesellschaft [leben]“. Dies wirkt sich auch auf den Umgang mit Lebensmitteln aus. Durch die ständige Verfügbarkeit werden Lebensmittel für die Deutschen weniger wichtig, sind weniger wert.

Das macht sich auch am Preis bemerkbar. Da sich Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu einer Wohlstandsgesellschaft entwickelt hat, sind Lebensmittel für deutsche Haushalte vergleichsweise billiger geworden. Während Haushalte 1950 noch etwa 50 % ihres Haushaltsbudgets für Lebensmittel ausgaben, waren es 2012 nur noch knapp 11 %  des verfügbaren Einkommens.

Im Europa-Vergleich zahlen Deutsche sehr wenig für ihre Nahrung. Im Eurostat-Jahrbuch 2012 wurde ermittelt, dass nur Luxemburg (9,2 %), Großbritannien (9,4 %), Irland (9,8 %), Österreich (10,2 %) und die Schweiz (10,7 %) weniger ihres Haushaltsbudgets für Lebensmittel ausgeben. Wenn Nahrung die Haushaltskasse nicht mehr schwer belastet, tut auch das Wegwerfen nicht so weh.

In anderen europäischen Ländern, in denen das Wohlstandsniveau niedriger ist, wird deutlich mehr vom Haushaltsbudget für Nahrung ausgegeben. Den größten Anteil ihres Einkommens geben zum Bespiel Rumänen für Lebensmittel aus (29,1 %). In Entwicklungsländern geben Menschen sogar bis zu 80% ihres Einkommens für Nahrungsmittelaus.

Das wir Nahrung nicht mehr richtig zu schätzen wissen ist auch ein Generationenproblem. Menschen, die einmal Lebensmittelknappheit erlebt haben, gehen insgesamt sorgsamer mit Lebensmitteln um. Deshalb wissen nach 1950 geborene Deutsche Lebensmittel auch weniger zu schätzen. Menschen in Wohlstandsgesellschaften scheinen einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln zu verlernen. Dieses Problem wird sich wahrscheinlich noch verschlimmern. Spätestens wenn die Generation, die den zweiten Weltkrieg miterlebt hat, ausstirbt und ihre Erfahrungen nicht mehr an Kinder und Enkelkinder weitergeben kann.

Lebensmittel als Produkte

Lebensmittel im Supermarkt

Lebensmittel im Supermarkt sind häufig in Plastik eingepackt, alle entsprechen der Norm

Lebensmittel werden in deutschen Supermärkten außerdem zunehmend als rein industrielle Produkte präsentiert. Alle Karotten sehen gleich aus. Laut eines Spiegel-Artikels verlässt eine Fünftel der Ernte in Europa gar nicht erst den Bauernhof. Lebensmittel-Normen verhindern, dass Obst und Gemüse, das anders aussieht, im Supermarkt ankommt. Der Grund: nicht schön genug.

Deshalb findet man einen Apfel mit Delle im Supermarkt auch nicht und wenn doch, wollen ihn die meisten Kunden nicht haben. Obst und Gemüse sind oft steril  in Plastik verpackt. Zudem sind die Regale in den Supermärkten meist bis spätabends prall gefüllt und dank Globalisierung ist jedes Obst und Gemüse zu jeder Jahreszeit erhältlich. Eine Saison gibt es in deutschen Supermärkten nicht. Das führt dazu, dass der Verbraucher die Nahrung zunehmend als reines Industrie-Produkt wahrnimmt. Er verliert den Bezug dazu, wie Lebensmittel entstehen, woher sie kommen.

Lösung?

Ein Gegentrend könnte man in der Bio-Bewegung sehen. Verbraucher sind wieder bereit mehr Geld für ihre Lebensmittel auszugeben. Allerdings ist Bio mittlerweile in den Discountern angekommen. Auch hier werden Preise gedrückt, Obst und Gemüse werden in Plastik eingeschweißt. Oft überqueren die Lebensmittel auf dem Weg zum Verbraucher sogar Ozeane.

Der einzelne Verbraucher kann natürlich versuchen sich besser zu informieren. Er kann regional kaufen, vielleicht sogar direkt beim Hersteller. Habt ihr weitere Ideen, wie man dagegen vorgehen kann, dass sich Verbraucher zunehmend von ihrer Nahrung entfremden? Was können wir tun, damit Lebensmittel wieder mehr als das wahrgenommen werden was sie eigentlich sind – Mittel zum Leben? Auf eure Vorschläge sind wir gespannt!

Das Problem mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum

Das Mindesthaltbarkeitsdatum, kurz MHD, ist eine Garantie des Herstellers, dass die Nahrung bis zu diesem Datum seine spezifischen Eigenschaften behält. Das Produkt ist mindestensbis zum angegebenen Datum haltbar. Verdirbt ein Lebensmittel vor Ablauf des MHDs kann es vom Verbraucher umgetauscht werden. Viele Verbraucher sehen im MHD allerdings ein Verfallsdatum. Ist das MHD abgelaufen, werden oft noch genießbare Lebensmittel einfach weggeworfen.

Das muss eigentlich nicht sein.

Mindesthaltbarkeitsdatum auf einem Joghurtglas
Ist das MHD nur bei Lagerung bei einer bestimmten Termperatur gewährleistet, wird dies zusammen mit dem MHD angegeben.

Das MHD ist überschritten – was tun?

Ist das MHD fast erreicht oder überschritten (und auch davor) sollte überprüft werden, ob die Nahrung noch genießbar ist. Vertraut einfach euren Sinnen und zwar in folgender Reihenfolge:

  • Sehen die Lebensmittel normal aus? Sind Farbe oder Konsistenz unverändert? Bei Milchprodukten wie Joghurt kann beispielsweise eine dünne Wasserschicht entstehen, weil sich Molke absetzt. Der Joghurt ist in der Regel aber noch genießbar.
  • Riecht die Nahrung normal?
  • Hat die Nahrung die ersten beiden Prüfungen bestanden, sollte man ein bisschen davon probieren. Wenn der Geschmack okay ist, sind die Lebensmittel in der Regel auch noch in Ordnung.

Wie gehen Supermarktbetreiber mit dem MHD um?

Für Supermarktbetreiber ist es auch erlaubt die Ware nach Ablauf des MHDs zu kontrollieren und umzuetikettieren. Eine andere Möglichkeit ist es Lebensmittel vor Ablauf des MHDs billiger anzubieten. Viele Supermärkte machen sich diese Mühe aber nicht und werfen die Lebensmittel schon kurz vor Ablauf des MHDs weg.

Worauf kann ich beim Einkauf von Lebensmitteln achten?

Beim Kauf von Lebensmitteln kann jeder selbst seinen Teil zur Verringerung von Lebensmittelverschwendung beitragen. Im Supermarkt gibt es oft das gleiche Produkt mit verschiedenen MHDs. Neue Ware wird (meist hinten im Regal) aufgefüllt und ist länger haltbar. Viele Verbraucher greifen deshalb zu den Produkten weiter hinten im Regal, weil sie sie für frischer halten. Wir sollten uns aber fragen, ob wir die etwas länger haltbaren Produkte überhaupt benötigen. Wenn wir wissen, dass wir die Lebensmittel bald verbrauchen werden, können wir ohne Probleme zu den Produkten mit einem kürzeren MHD greifen – und so verhindern dass noch genießbare Produkte im Handel weggeworfen werden.

Das Verbrauchsdatum

Neben dem MHD gibt es auch das Verbrauchsdatum. Es gilt nur für einige leicht verderbliche Lebensmittel, wie zum Beispiel Hackfleisch. Ist es verdorben, kann es die menschliche Gesundheit unmittelbar gefährden. Lebensmittel mit abgelaufenem Verbrauchsdatum sollten deshalb auch sofort entsorgt werden. Produkte mit einem Verbrauchsdatum sind mit der Aufschrift „verbrauchen bis …“ gekennzeichnet.

Weiter Informationen zum Mindesthaltbarkeitsdatum findet ihr auch hier.

Weitere Lösungen?

Welche Ideen habt ihr, um mit dem Problem MHD umzugehen? Sollte es ganz abgeschafft und zum Beispiel nur noch ein Produktionsdatum angegeben werden? Wir freuen uns auf eure Vorschläge!

Die meisten Lebensmittelabfälle stammen aus Privathaushalten

Die Studie „Zu gut für die Tonne” der Uni Stuttgart hat Zahlen und Gründe zum Thema Lebensmittelverschwendung ermittelt. In Deutschland werden jährlich insgesamt 11 Millionen Tonnen Lebensmitteln weggeworfen. Lebensmittelabfälle fallen entlang der gesamten Wertschöpfung an, also in Produktion, Weiterverarbeitung, Vertrieb und schließlich beim Verbraucher.

Wer produziert die meisten Lebensmittelabfälle?

Haushalte 61%, Industrie 17%, Großverbraucher 17%, Handel 5%

Privathaushalte selbst werfen am meisten weg (61%), insgesamt 6,7 Tonnen im Jahr. Der durchschnittliche Deutsche wirft also innerhalb eines Jahres 81,6 kg Lebensmittel weg. Pro Tag sind das 225 g, soviel wie ein durchschnittliches Frühstück. Fast die Hälfte (47%) dieser Lebensmittelabfälle könnten vermieden werden.

Folgende Faktoren führen nach der Studie der Uni Stuttgart dazu, dass deutsche Privathaushalte so viele Lebensmittel wegwerfen:

  • Private Haushalte schätzen Lebensmittel nicht genug. Das liegt vor allem daran, dass alle Lebensmittel zu jeder Zeit verfügbar und innerhalb der EU verhältnismäßig billig sind.
  • Einkäufe werden nicht richtig geplant und der Überblick über die eigenen Vorräte fehlt.
  • Lebensmittel werden nicht richtig aufbewahrt und verderben deshalb schneller.
  • Privathaushalte verlassen sich zu sehr auf das Mindesthaltbarkeitsdatum. Ist es abgelaufen werden noch genießbare Lebensmittel ohne vorherige Prüfung entsorgt.